Frühgeburt und Fütterstörung - warum?
Wenn das Kind nicht (genug) isst - wo is(s)t das Problem?
.... die nagenden Probleme des Kindes ...
.... die nagenden Probleme der Eltern ...
... und das Setting macht Bauchweh
....Fragen an die Autoren
Kommt ein Kind zu früh oder krank zur Welt, durchleben viele Eltern eine traumatische Reaktion. In diesem Beitrag wird auf die Bedeutung elterlicher Traumatisierung im Hinblick auf die Entwicklung von Fütterstörungen eingegangen. Ausführungen zur Traumatisierung von Eltern können Sie bei Jotzo (2004) achlesen.
In den ersten Stunden und Tagen nach der Geburt sind im Hinblick auf die Entwicklung von Fütterstörungen folgende Erfahrungen der Eltern und insbesondere von Müttern bestimmend:
Im Verlauf des Klinikaufenthaltes kommen oft weitere Probleme hinzu:Die (normale) Unsicherheit im Umgang mit dem Kind erfasst auch den Bereich Ernährung:"Ist die Schwester die bessere Mutter?"
Insgesamt erleben Mütter und Väter sich während der Klinikzeit oft als inadäquate Betreuungspersonen für ihr Kind. Dieses Gefühl nehmen viele Eltern mit nachhause. Hinzu kommt, dass der "Kampf um jedes Gramm" (Gewicht = Kopfwachstum = gute Entwicklung) in der ersten Lebenszeit des Kindes die Eltern noch lange nach der Stabilisierung des Kindes bestimmen kann. Auch der Druck, das Kind möge endlich genug trinken, um entlassen zu werden, wirkt verunsichernd: "Wie viel hat er/sie getrunken - das langt aber noch nicht!"
Der Aufbau der Eltern-Kind-Beziehung und damit auch der Fütterbeziehung ist bei einer Frühgeburt des Kindes bedroht, Risiken sind auf Seiten des Kindes, der Eltern und im Setting Neugeborenenintensivstation zu finden. Das Kind ist durch seinen Gesundheitszustand, die extrauterinen Bedingungen sowie die Konfrontation mit vielfältigen Reizeinflüssen und Pflegestilen gefährdet. Die Belastungen auf Elternseite bestehen in der Vielzahl negativer Gefühle, der Traumatisierung durch die Frühgeburt, den Bedingungen der elterlichen Rolle und großen Ängsten um das Kind. Das Setting Neugeborenenintensivstation belastet den Beziehungsaufbau durch das hohe Ausmaß an Technik, räumlichen Bedingungen, Regeln, Abläufen, Prozeduren, die Vielzahl handelnder Personen und die fehlenden Rückzugsmöglichkeiten für die Familie.
Eine mögliche Auswirkung auf die Eltern-Kind-Beziehung ist die gestörte Fütterbeziehung: die Eltern nehmen den "starren Blick auf die Waage" mit nachhause. Sie sind nicht mehr dazu in der Lage, einen intuitiven Anpassungsprozess mit ihrem Kind zu durchlaufen, sondern orientieren sich einzig an Tabellen und Gramm-Vorgaben (sowohl im Hinblick auf die Nahrungsmenge als auch die Gewichtszunahme des Kindes). Der Blick auf das Wohlfühlen des Kindes und seine Gesamtentwicklung konnte nicht entwickelt werden.
So kann ein Teufelskreis entstehen: ein Kind, das Schwierigkeiten mit der Selbstregulation seiner Nahrungsaufnahme hat, wird von seinen Eltern als "schlechter Esser" erlebt. Diese reagieren mit Verunsicherung und Anspannung, die sich in der Füttersituation auf das Kind überträgt. Das Kind erlebt und übernimmt diese Anspannung, was zu einer geringeren Selbstregulationsfähigkeit der Nahrungsaufnahme führt. Die Eltern erleben, wie ihr Kind ein noch "schlechterer Esser wird" - und so weiter ...
Das Problem findet sich (mindestens) auf drei Ebenen, die ihren Beitrag zum Problem leisten.
Dem frühgeborenen Kind fehlt in der ersten Lebenszeit die Erfahrung von Hunger als auch die Erfahrung mit dem Zyklus Hunger - Unwohlsein - Unwohlsein äußern - Nahrung angeboten bekommen - Nahrung annehmen - satt sein - Wohlbefinden. Dadurch kann sich die eigenständige Entwicklung der Signalsetzung verzögern. Statt der Erfahrung, dass die Stimulierung des Mundbereichs mit Wohlbefinden (saugen, satt sein) und Zuwendung verbunden ist, macht es unzählige negative orale Erfahrungen (Intubation, Absaugen, Sondieren etc.), die für sich und zusammen traumatisierend wirken können.
Eltern Frühgeborener erleben sich oft inkompetenter als Eltern Reifgeborener, viele verallgemeinern die Erfahrung aus der ersten Lebenszeit ihres Kindes, in der sie die Pflege an professionelle Pflegekräfte abgeben mussten: "Das kriegen nur Profis hin." Dieses Gefühl der Inkompetenz kann auf dem Wege einer self-fulfilling prophecy zu einer tatsächlichen Inkompetenz werden: jedes Missglücken einer einzelnen Füttersituation wird von den Eltern auf ihre generellen Fähigkeiten, ihr Kind zu ernähren, verallgemeinert: "Das schaffe ich nie." Bei Müttern kann das o.a. generalisierte Versagensgefühl in Bezug auf die Frühgeburt des Kindes verschärfend wirken: "Ich konnte mein Kind nicht (gesund) austragen - wie soll ich es gesund groß kriegen? Die intuitive Anpassung der elterlichen Reaktionen an die kindlichen Signale kann in der Klinikzeit nur äußerst selten erfolgen und muss nach der Entlassung mühevoll nachgeholt werden. So nehmen Eltern statt Bauchgefühlen die Kalorientabelle zu Hilfe.
Die geschilderten Probleme von Kindern und Eltern können unabsichtlich im und durch das Setting Neugeborenenintensivstation verstärkt werden. Sätze (die meist auch Glaubenssätze sind) wie "Wir können Ihr Kind erst entlassen, wenn es seine Nahrungsmenge selbst aufnehmen kann.", "Wenn es mit dem Stillen nicht klappt, nehmen Sie besser die Flasche.", "Wenn es hier nicht klappt, wie wollen sie das zuhause hinbekommen?" können die Nägel für den Sarg der geschwächten Kompetenzgefühle der Eltern sein. Daher ist ein wesentliche - und dankbare - Aufgabe von MitarbeiterInnen von Neugeborenenintensivstationen die Stärkung des elterlichen Kompetenzgefühls, das die Basis für die intuitive Abstimmung der elterlichen Reaktionen auf die Signale des Kindes ist.
Oberster Grundsatz sollte sein: Füttern und gefüttert werden kann/soll/darf Spaß machen! Essen sollte nicht zur Pflicht geschweige denn zu einer gefürchteten Situation werden. Gerade in der letzten Zeit vor der Entlassung fürchten sich viele Eltern regelrecht vor jeder Fütterrunde, da jedes "Versagen" die Entlassung ihres Kindes gefährdet. Es wirkt oft Wunder, Anspannung aus der Situation heraus zu nehmen und den Eltern (aber auch sich selbst) vor Augen zu führen, dass jedes Kind essen kann, wenn seiner Nahrungsaufnahme keine medizinischen Gründe entgegen stehen. Manche Kinder brauchen eben länger - und sehr oft essen Kinder in dem Moment, in dem der Druck aus der Situation genommen wird.
Ein Zaubersatz im Hinblick auf das Stillen des Kindes ist: "Wenn es mit dem Stillen hier nicht funktioniert, heißt das noch lange nicht, das es zuhause auch so ist." Dieser Hinweis hilft Müttern und nimmt ihnen den Druck. Sinnvoll und hilfreich ist auch, Müttern und Vätern deutlich zu machen, dass auf den meisten Neugeborenenintensivstationen keine "ruhige Stillatmosphäre" herrscht und sie daher nicht zu viel von ihrem Kind und von sich erwarten können. Viele Frühgeborene, die in der Klinik mühsam einige wenige Milliliter über die Brust aufnehmen, können zuhause voll gestillt werden. Hier empfiehlt sich eine frühzeitige Anbahnung häuslicher Unterstützung durch Hebammen und/oder Laktationsberaterinnen.
Die Abstimmung kindlicher Signale und adäquater elterlicher Reaktionen kann (und sollte) geübt und verstärkt werden. Wenn das Kind stabil genug ist, ist es sinnvoll und effektiv, den Bauchgefühlen mehr Raum zu geben und die Kalorientabellen zurückzustellen.
Um Eltern die Angst nehmen zu können und einer ungünstigen Entwicklung der Fütterbeziehung vorzubeugen bzw. Einhalt zu gebieten, ist es unabdingbar, Vertrauen in Kind und Eltern setzen. Dies fällt Menschen aus dem medizinischen Bereich oft schwer, da wir den "defizitären Blick" gewöhnt sind: "Akzeptieren statt pathologisieren" mag eine Devise sein.
Dr. Martina Jotzo
Diplom-Psychologin
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Markus Wilken
Diplom-Psychologe
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Letze Aktualisierung: 20.12.2004. Verantwortlich: Markus Wilken